Hochhaus Wintertraum

Lucien saß am Küchentisch und wusste nicht, was sie tun sollte. Ihr Freund aus dem
elften Stockwerk machte sich rar. Darüber war sie sehr traurig. Nach tagelangem Überlegen
fiel ihr etwas ein, wie sie Victor aus seiner Wohnung locken könnte. So rief sie beim
Bayerischen Rundfunk an und ließ sich mit der freundlichen Moderatorin der Sendung
„Kinderwünsche erfüllen“ verbinden. Dieser erzählte sie die Geschichte zwischen
ihrem Freund und ihr und dass sie ihn wieder auf sich aufmerksam machen will.
Sie brauche einen Berg Wolle, am besten helle, so wie schneeweiße oder wollweiße und
schilderte weiter ihren Plan. Die verständnisvolle Frau meinte: „Ich glaube, da kann ich dir helfen. Warte noch drei Tage. Und viel Erfolg noch, liebe Kleine“. Tschak – Und schon war das Gespräch wieder beendet. Wie angekündigt, genau am dritten Tage, schrillte die Wohnungsklingel im siebten Stockwerk bei Lucien. Ein Mann einer Spedition fragte, wo
er all die Menge Wolle, genauer gesagt die Wollballen abladen dürfe – und es kämen noch fünf Lastwagen voll nach. „Uii, da hat ja das ganze Land für mich gespendet“, rief Lucien.
Durch einen Aufruf des Bayerischen Rundfunks war das wirklich so geschehen. Dem Mann von der Spedition antwortete sie: „Auf der Nordseite, wo im Hochhaus in der oberen Etage nur ein Fenster eingebaut ist!“ Laut ihrer Anweisung hievte ein Spezialkran den größten Teil der Wolle vom Parterre aufwärts bis zum fünfzehnten Stockwerk. Lucien war ein Organisationstalent. Mit der Hilfe ihrer vielen Freundinnen strickte sie vom Rest in einer sagenhaft kurzen Zeit eine hundert Meter lange und breite Decke, die sie durch das Fenster im allerobersten Stockwerk hinausdrückten und über den hohen Wollberg hinuntergleiten ließen. „Was für ein Riesenschneehaufen“ hörte man eine begeisterte Jungenstimme aus der elften Etage. Victor meldete sich wieder zu Wort und er war sehr beeindruckt von Lucien und von dem Schlittenberg aus Wolle. Zum Glück schneite es während der Nacht ununterbrochen und der vormals nur künstliche Berg wurde dadurch so geformt, dass er zu einer richtigen und an den Rändern sanft auslaufenden sicheren Schneepiste wurde. Die Kinder konnten nun aus Herzenslust rodeln oder Ski fahren. Aus allen Stockwerken und Nachbarhäusern kamen die kleinen und die größeren. Sie fuhren mit dem Lift des „Hochhauses Wintertraum“ nach oben und begaben sich auf ihren langen und breiten Schneeberg. Am übernächsten Morgen fiel Lucien beinahe die volle Kakaotasse aus der Hand, als es an der Wohnungstüre Sturm läutete. Ihre Mutter sagte: „Victor steht draußen und fragt, ob du mit ihm zusammen heute zur Schule gehst?“ “Ja“ , schrie Lucien vor Freude laut und erleichtert zugleich. Lucien und Victor wurden wieder die allerdicksten Freunde.

Der Bayerische Rundfunk sendete jeden Tag zehn Minuten über das einfallsreiche
Winterengagement von Lucien.

 

 

 

 

von Marianne Gürtner

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