Eine Reise über den Norden

 

Gretes Lieblingsfach in der Schule war Erdkunde. Wie die meisten Kinder war auch sie neugierig und ihr Interesse an anderen Ländern und Städten wuchs immer mehr.
Als ihr Geburtstag näher rückte, hatte sie nur einen einzigen Wunsch. Kein Pony sollte
es sein, wie es der Traum ihrer Freundinnen Marta, Nurten und Vevi war, sondern ein Rentier, lebensgroß, verstand sich. Grete fielen die Worte ihrer schon erwachsenen Cousine Susann ein, die zu ihr einmal sagte: „Wenn man sich etwas ganz fest wünscht, so geht dies auch irgendwann in Erfüllung.“ Sie hätte dies einmal bei Theodor Fontane gelesen. Und wie
ein Wunder geschah während einer sehr kalten Winternacht Folgendes: Die Lichter
in den Häusern im Dorf, die wie aufblitzende Strasssteine aussahen, waren schon
erloschen. Der Mond schien über die verschneite Landschaft und erhellte das dunkle Blau der Nacht. Da schellten, wie es aus der Ferne schon zu hören war, eine Anzahl vieler Glöckchen vor der Tür des heimeligen Einfamilienhauses. Grete schlüpfte in ihren wattierten Schneeanzug und ging hinaus in das Dunkel. Sie staunte über eine prächtige und in keiner Weise kleine Postkutsche auf Kufen. So eine, wie sie vor über zweihundert Jahren im Winter von Ort zu Ort von den Pferden der Familie Thurn und Taxis gezogen wurden. Grete stieg in dieses herrschaftliche Gefährt ohne sich zu wundern, woher es kam. Ein kräftiges Rentier, das es zog, stellte sich dem Mädchen vor – lautlos, aber doch sehr ausdrucksstark und freundlich. In einer utopischen Geschwindigkeit, so dass es einer Zauberei gleichkam, hatte das Huftier mit überirdischer Kraft die Kutsche auch schon in die Höhe gezogen. Genau gesagt, sie befanden sich auf einer Fluglinie über der von Flugzeugen. Wie Grete auffiel, waren an beiden Geweihen des Tieres Sensoren installiert, so dass sie sich auf dieser Reise jedem Radarschirm entziehen konnten, aber selbst trotzdem alles rundherum registrierten. Nach der ersten Aufregung drückte sich Grete gemütlich in die über den Ledersitzen liegenden Schafwolldecken. Sie schaute aufmerksam hinunter auf die Nordhalbkugel der Erde. Prag, Warschau, Moskau, Sibirien mit dem zugefrorenen Baikalsee überflogen sie mit dem edlen Kufenschlitten. Zurück überquerten sie Lappland, die Heimat der Rentiere. Dann überflogen sie Stockholm, die Hauptstadt von Schweden. Grete beeindruckten die beinahe zugeschneiten Dörfer, Städte mit Tausenden von weißen Dächern, die vielen Schlösser und Türme im Winterkleid, dazwischen Seen, Flüsse, Gebirge, Wälder und Land an Land. „Oh, wie schön ist doch unsere einzige Welt“, rief Grete. „Aber sag, Rentier, was sind das da unten für winzige blitzende Lichter überall?
Die blauen in den Städten und ganz viele von den grünen in der einsamen Natur?“
Unverzüglich gab das Rentier dem Kind korrekt die Antwort: „Die blauen Glitzerstellen sind die Menschen, die heute geboren wurden, die grünen sind die Tiere, die heute geboren wurden. Alle ohne Schuld. Und sie wussten alle nicht, wohin sie geboren werden und ob ihr Weg auf Erden beschwerlich sein wird.“ „Das ist ja schön, dass sie geboren sind“, ruft Grete. „Ja, liebe Grete, das ist wunderschön. Das ist jede Stunde ein neuer Anfang und jederzeit eine neue Verantwortung für euch Menschen“, bestätigte das Rentier. „Wie weise du bist“, antwortete Grete nachdenklich. Die Reise durch den Winter dauerte noch bis pünktlich um sechs Uhr am Morgen. Das Rentier verlangsamte sein Tempo und glitt im sanften Senkflug zur Erde herab. Am gleichen Ort, wo Grete einstieg, hüpfte sie wieder aus der Kutsche. „Bis zu deinem nächsten Geburtstag alles Gute und ehrliche liebe Menschen um dich“, wünschte das Rentier. „Danke“ flüsterte Grete. Sie war in dieser Nacht der glücklichste Mensch auf dieser Welt und sie dachte noch lange an diese Kutschenfahrt nahe den Sternen.
Wenn es auch nur ein Traum gewesen sein sollte, so war es aber doch keine Zauberwelt, sondern die Erfüllung eines innigen Wunsches.

von Marianne Gürtner

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