Die Verwandlung einer Blüte

An einem Tag zur Mittagszeit im Monat Mai setzte sich eine junge Amsel sehr
unsanft auf einen Zweig des Apfelbaumes in Großmutters Garten. Dabei brach
eine bereits voll entfaltete Blüte ab und taumelte wie eine Schneeflocke auf den
Grasboden. Keine einzige Wolke stand am Himmel. Und so schienen des Frühlings
erste kräftigere Sonnenstrahlen ungehindert auf ihre zarten Blütenblätter. Um ja
keinen Sonnenbrand zu erleiden und ihre edle Blässe zu bewahren, presste sich
die Blüte geschickt zwischen Grashalme hinein in ein schützendes Geflecht aus
feinen Wurzeln. Als es nachts desselben Tages heftig begann zu regnen, drückten
die schweren Regentropfen die Apfelblüte tiefer in die aufgeweichte nasse Erde.
So schien sie verschwunden für immer. Der Sommer zog in das Land. Aus allen
am Baum verbliebenen Blüten reiften rotbackige Äpfel heran. Im Herbst war Erntezeit. Niemand dachte noch an die vom Baum gefallene hübsche Blüte. Bald fiel auch
schon der erste Schnee, auf den die Kinder sehnlichst warteten. Sie bauten eifrig
einen Schneemann neben dem Stamm des Apfelbaumes. Unfassbarerweise spitzte eines
frostigen Tages etwas Grünes durch die wie Kristall glitzernde Schneedecke. Anfangs kaum
zu erkennen spross mitten im Winter genau an der Stelle, auf die damals die
zauberhafte weiße Blüte gefallen war, eine Pflanze aus dem winterlich kalten Boden. Auf deren aufrecht stehenden Blütenstielen öffneten sich schneefarbene Rosen, die von nun an
in jedem Jahr weit über die Weihnachtszeit hinaus die Welt verzauberten. Die Blume nannten die Kinder Christrose.

 

Apfelblüten gehören zu Rosengewächsen

Christrosen zu den Hahnenfußgewächsen

 

von Marianne Gürtner

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: